"Actum Hulmann palatio regio in Dei nomine feliciter. Amen". Mit diesem lateinischen Satz
beginnt die "offizielle" Geschichte Ulms: Am 22. Juli 854 besiegelt König Ludwig der
Deutsche in der Pfalz Hulma eine Urkunde und sorgt damit für die erste erhaltene
Erwähnung der heutigen Großstadt, mit der die kleine Ansiedlung um den
Königshof aber noch überhaupt keine Ähnlichkeithat. Nur wenige Hütten
und Höfe liegen damals an den Ufern von Donau und Blau. Für den Herrscher und
seinen Hofstaat bieten die ummauerten Gebäude der Pfalz Unterkunft. Handwerker haben
in der Nähe ihre Häuser, die wahrscheinlich aus Holz und Lehm gebaut waren. Zur
Versorgung der Pfalz dient der einst im heutigen Fischerviertel gelegene Stadelhof und der
Schwaighof am rechten Donauufer.
Die von den Königen bei ihren Reisen durch das Reich benutzte Pfalz markiert aber nicht
den Anfang der Ulmer Geschichte. Bereits um das Jahr 5000 v.Chr. existiert ein
jungsteinzeitliches Dorf bei Eggingen. Und in der Bronzezeit (etwa 1500 v.Chr.) vereinigen
sich auf dem Ulmer Gebiet zwei bedeutende Fernhandelsstraßen: Die von Westen nach Osten
auf dem Hochsträß verlaufende Donau- Nord- Straße und die vom Filstal kommende
Albstraße.
Etwa um das Jahr 850 muß die Königspfalz gegründet worden sein. Relativ
schnell gewinnt die junge Ansiedlung an Bedeutung. In Ulm werden einige für das gesamte
Deutsche Reich maßgebliche Entscheidungen getroffen: So beschließt zum Beispiel
im Februar 1077 die deutsche Fürsten- Opposition in Ulm die Absetzung König
Heinrichs IV. Drei Monate später zieht Heinrich nach seinem Canossa- Gang in Ulm ein,
um sich demonstrativ mit den Insignien seiner Macht zu zeigen.
Bis in das 12. Jahrhundert bauen die Staufer Ulm zu einem ihrer Hauptorte aus. Doch
damit zieht auch eine Katastrophe herauf: Während der erbitterten Kriege zwischen
den Staufern und Welfen vernichtet der Welfenherzog Heinrich der Stolze von Bayern 1131
die Dörfer rings um die Pfalz, die er 1134 restlos zerstören läßt.
Die Staufer geben Ulm aber nicht verloren: Pfalz und Siedlung werden wieder aufgebaut und
mit einem Mauerring geschützt. Großer Beliebtheit erfreut sich Ulm unter Kaiser
Friedrich I. Barbarossa. Der bedeutenste Staufer hält bis 1183 mindestens sieben
große Hoftage in der Pfalz ab, die seit 1181 Stadt ist. Der Königshof zieht Handwerker
und Kaufleute wie ein Magnet an, und so entwickelt sich Ulm bald zu einer Handelsmetropole.
Das 13. Jahrhundert bringt den Untergang für die Staufer und für das Reich
heftige Thronkämpfe. Ulm bewahrt sich seine direkte Unterstellung unter Kaiser und
König, baut sich seine bürgerliche Selbstverwaltung auf und wird
so "Freie Reichsstadt", die von den Patriziern regiert wird.
Doch bald ist die Bevölkerung unzufrieden; in der ersten Hälfte des
14. Jahrhunderts wollen die in den Zünften vereinigten Handwerker die Beteiligung am Rat der
Ulmer Stadtregierung erzwingen. Dabei herrschen teilweise bürgerkriegsartige Zustände,
es gibt Tote und Verletzte. Erst 1345 kommt die Stadt zur Ruhe: Im Kleinen Schwörbrief
wird den Zünften nicht nur die Mitwirkung am politischen Geschehen eingeräumt, sie
ertrotzen sich sogar die Mehrheit im Rat. Von 31 Sitzen fallen künftig 17 an die Ulmer Zunftmeister.
1376 belagern kaiserliche Truppen Ulm, das sich zusammen mit den 13 anderen
Reichsstädten des Schwäbischen Städtebundes gegen Karl IV. erhoben hat. Die
Kaiserlichen müssen zwar erfolglos abziehen, die Belagerung aber macht den Ulmern klar:
Die vor den Mauern der Stadt gelegene, aus dem 7. Jahrhundert stammende Pfarrkirche
"ennet felds" stünde im Krieg äußerst ungünstig; die Gläubigen
könnten nicht mehr zur Kirche gehen.
Am 30. Juni 1377 lassen die Ulmer der Erkenntnis Taten folgen: Der Grundstein zum Münster
wird gelegt. Immenses Selbstbewußtsein zeigt sich bei diesem Bau: Die aufstrebende Stadt
mit ihren 10.000 Einwohnern baut eine gigantische Kathedrale mit Platz für über 20.000
Menschen. Finanziert wird das Bauwerk durch Spenden der Bürger.
Die Zünfte weiten in der Zwischenzeit ihre beherrschende Rolle im Stadtstaat Ulm aus.
Im Großen Schwörbrief von 1397 spiegelt sich ihre gewachsene Bedeutung wider: Neben
dem bisherigen Rat wird ein 40 Mitglieder umfassender "Großer Rat" gebildet, in dem die
Zünfte 30 Sitze haben. Die Patrizier verlieren obendrein ihr aktives Wahlrecht für die
Stadtregierung.
Das 15. Jahrhundert bringt für Ulm den Höhepunkt seiner Macht und seines Reichtums:
Ulmer Barchent- und Leintücher werden in Genua, Venedig, Genf, Lyon, den Niederlanden und
sogar in England verkauft. Daneben ist die Freie Reichsstadt ein bedeutender Umschlagplatz
für Eisen, Wein und Holz. Der Wohlstand drückt sich auch im Besitz der Stadt aus:
Ulm gehören neben den drei Städten Geislingen, Albeck und Langenau insgesamt 55
Dörfer; keine andere Reichsstadt außer Nürnberg hatte jemals ein solch
großes Stadtgebiet.
Im Jahr 1530 beschließt die Bevölkerung Ulms mit großer Mehrheit den
Übertritt zum Protestantismus. 1546 sieht sich die evangelische Stadt gezwungen, sich im
Schmalkaldischen Krieg dem katholischen Kaiser zu unterwerfen. Hauptgrund dafür ist
die akute Finanznot: Ulm muß nämlich für die Kriegsführung und
Unterhaltung seines 7.000 Mann starken Heeres 27.500 Gulden aufbringen. Auf der anderen
Seite füllen aber kaum noch Einnahmen die leere Stadtkasse; der Handel ist zum Erliegen
gekommen, und 35 der 55 Ulmer Dörfer entweder geplündert oder verbrannt.
Zwar kann Ulm einen Sonderfrieden erreichen und so den totalen Zusammenbruch vermeiden,
doch der Frieden hat seinen Preis: die Reichsstadt muß eine Geldstrafe von 800 Zentner
Pulver im Wert von 25.000 Gulden abliefern. Obendrein hebt Kaiser Karl V. im Jahr 1548 den
Großen Schwörbrief auf, verbietet die Zünfte und setzt einen Rat mit patrizischer
Mehrheit ein. Zehn Jahre später werden die Zünfte zwar wieder zugelassen, doch die
Mehrheit der Patrizier in der Stadtregierung bleibt unangetastet.
Der wirtschaftliche Niedergang beginnt. Die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien
bringt wesentliche Veränderungen der europäischen Handelswege und Märkte. In
England und den Niederlanden entstehen neue Produktions- und Handelszentren.
Der politische Einfluß bleibt dagegen, über die zentrale Funktion im
Schwäbischen Rechtskreis, noch über 200 Jahre erhalten. Kulturelle
Bedeutungerhält Ulm durch "exakte Wissenschaften", vor allem der Mathematik,
vertreten durch Kepler, Furttenbach und Faulhaber.
Rund 5.000 Menschen fallen 1634 und 1635 der in Ulm wütenden Pest zum Opfer.
Zu diesem Schlag kommt 1648 noch ein weiterer hinzu: Die Stadt muß sich am Ende des
30jährigen Krieges an der vom Reich zu zahlenden Kriegsentschädigung von 120.000
Gulden beteiligen, nachdem der Krieg im Laufe der Jahre die Stadtkasse bereits mit insgesamt
3,5 Millionen Gulden belastet hatte.
Kaum hat sich Ulm wieder etwas erholt, verwüstet 1688 ein französisches Heer das
Territorium der Reichsstadt, und 1702 nehmen bayerische Truppen Ulm im Handstreich. Bis 1704
abwechselnd von bayerischen und französischen Truppen besetzt, muß die Stadt den
Besatzern 415.000 Ulmer Gulden bezahlen.
Das verarmte Ulm steht um 1770 vollends vor dem Bankrott: Nach dem Siebenjährigen
Krieg und einer Mißernte hat sich der Schuldenberg auf vier Millionen Gulden
aufgetürmt. Bei dieser bedrohlichen Finanzsituation kann auch der Kaiser nicht mehr
untätig bleiben: Er ordnet einen Schuldentilgungsplan an. 1773 muß Ulm für
500.000 Gulden die Herrschaft Wain verkaufen.
In der Folge bleibt der Reichsstadt aber kaum eine Möglichkeit, ihre Verschuldung
weiter abzubauen. Im Gegenteil: 2,2 Millionen Gulden hat Ulm während des ersten
Koalitionskrieges von 1796/97 zu zahlen. Allein 200.000 Gulden verlangen die Franzosen
für den Abzug aus der eroberten Stadt. Im zweiten Koaltionskrieg (1799bis 1801)
besetzen die Österreicher Ulm. Anschließend kommen wieder die Franzosen,
und diese lassen die Festungsmauern niederreißen.
Im Jahr 1802 ist es dann auch mit der noch auf dem Papier stehenden Unabhängigkeit
vorbei: Als Entschädigung für die verlorenen Gebiete links des Rheins kommt Ulm zum
Kurfürstentum Bayern und wird Hauptstadt der Provinz Schwaben. Doch nicht lange sind die
Ulmer bayerische Untertanen: Durch einen Staatsvertrag zwischen Bayern und Württemberg
wird Ulm gegen den Willen der Bevölkerung 1810 zu einer königlich- württembergischen Stadt.
Die Grenze zu Bayern ist die Donau. Für Ulm hat das fatale Folgen: die Ulmer Gebiete
jenseits des Flusses sind nun "Ausland", die Stadt ist von ihrem Hinterland abgeschnitten.
Von der ehemaligen Bedeutung Ulms ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum
etwas übriggeblieben: Die einst mächtige Reichsstadt ist zu einer nur noch 12.000
Einwohner zählenden Provinzstadt herabgesunken. Ins Rampenlicht der Geschichte kehrt Ulm
bald wieder zurück: Bis zu 8.000 Arbeiter bauen von 1842 bis 1859 die gewaltige
Bundesfestung mit 41 Festungswerken und einem neun Kilometer langen Mauergürtel.
Die riesige Festungsbaustelle sowie der Bahnanschluß Ulms im Jahr 1850 bringen eine
große wirtschaftliche Entwicklung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
entstehen weltbekannte Firmen wie Magirus, Wieland und Kässbohrer. Außerdem sorgt
ein zweites großes Bauvorhaben für Aufsehen. Die Vollendung des Münsters von
1844 bis 1890, mit dem Ausbau des Hauptturms zum höchsten Kirchturm der Welt, zeigt den
neuen Aufschwung, den die Stadt nimmt. Ulm zählt 1913 bereits 60.000 Einwohner, davon sind
knapp 10.000 Soldaten.
Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt es in Ulm relativ ruhig, doch der politischen
Entwicklung kann sich auch Ulm nicht entziehen. 1933 richten die Nationalsozialisten im
Fort Oberer Kuhberg ein Konzentrationslager ein, das 1935 wieder aufgelöst wird.
Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird die Ulmer Synagoge
am Weinhof beschädigt. Angehörige der SA hatten zwar Feuer gelegt, doch der Brand
richtete keinen großen Schaden an. Dennoch: Wenige Tage später wurde mit dem Abbruch
des jüdischen Gotteshauses begonnen.
Im Zweiten Weltkrieg wird die Stadt Ende 1944 und Anfang 1945 gleich mehrfach bombardiert.
Der schwerste Bombenhagel geht auf Ulm am 17. Dezember 1944, dem dritten Adventssonntag, nieder:
707 Menschen kommen um, 613 werden verletzt, rund 25.000 Menschen verlieren das Dach über
dem Kopf. Nach dem Krieg ist die Innenstadt zu 85 Prozent zerstört, von
ursprünglich 12.756 Gebäuden sind nur 2.633 unversehrt. 5761 Ulmer haben während
des Krieges den Tod gefunden.
Doch rasch geht es mit Ulm wieder aufwärts: 1951 wird mit der Erschließung des
Industriegebiets Donautal begonnen. 1955 öffnet die Hochschule für Gestaltung am
Oberen Kuhberg ihre Pforten (die sie 1968 aber wieder schließen muß), 1960 beginnt
die Ingenieurschule, seit 1972 Fachhochschule, mit dem Unterricht. 1967 wird die
Universität gegründet. Sie entwickelt sich zusammen mit der Fachhochschule zum Kern
der Wissenschaft. Der Neubau des städtischen Theaters an der Olgastraße sieht
1969 die erste Aufführung. Einen bedeutenden Flächenzuwachs erlebt Ulm durch die
Eingemeindungen in den Jahren 1971 bis 1975, und im Jahr 1980 bekommt Ulm nach
Überschreiten der 100.000- Einwohner- Grenze den Rang einer Großstadt. 1992 leben in
Ulm 111.000 Menschen.